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12. Mai 2006
Volksstimme-Interview mit Wirtschaftsminister Reiner Haseloff
"Bei der Förderung wird keine Branche und Region ausgegrenzt"
Seit wenigen Tagen ist Reiner Haseloff als neuer
Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt im Amt. Welche
Schwerpunkte will der CDU-Politiker in den nächsten fünf Jahren
setzen? Darüber sprach mit ihm Volksstimme-Redakteur Torsten
Scheer. Volksstimme : Herr Haseloff, vier Jahre waren Sie
Staatssekretär im Wirtschaftsministerium. Jetzt sind Sie dessen
Chef. Reiner Haseloff : Ich sehe mich eben der Kontinuität
verpflichtet. Aber im Ernst. Das ist auch die Erwartungshaltung
der Wirtschaft. Diese will ich auch erfüllen. Volksstimme : Das
heißt ? Haseloff : Wir setzen weiterhin auf eine hohe
Investitionsakquise. Alle zur Verfügung stehenden Mittel, vor
allem Fördergelder, werden für Ansiedlungen und Investitionen
herangezogen. Das setzt voraus, dass wir die
Investitionsaktivitäten auf hohem Niveau fortsetzen und bei den
Genehmigungsverfahren die Schlagzahl halten und erhöhen. Bei
den Verwaltungsabläufen ist durchaus noch Luft drin. Wenn wir
weiterhin das Signal aussenden, dass Sachsen-Anhalt der
Top-Standort mit den schnellsten Genehmigungsverfahren in
Deutschland ist, dann ist das die richtige Botschaft.
Volksstimme : Wer ist künftig für die Investorenansprache
zuständig ? Haseloff : Der Chefakquisiteur für dieses Land ist
der Wirtschaftsminister. Erweiterungsinvestitionen können auf
Ebene der Fachabteilungen abgearbeitet und bei der
Investitionsbank als Förderinstitut zu Ende gebracht werden.
Wir wollen zudem als Fachaufsicht über die Investitionsbank das
Controllingsystem zur Verfolgung, Dauer und Qualität der
Bearbeitung von Förderanträgen deutlich verstärken. Volksstimme
: Sie haben die Landeswirtschaftsförderungsgesellschaft WISA
vergessen. Haseloff : Nein. Die WISA wird international agieren
müssen. Es geht darum, in Europa und der Welt Investoren zu
werben. Im Übrigen ist es nicht so, dass die WISA und die
Landesmarketinggesell schaft LMG auf Dauer so bestehen bleiben
müssen. Man muss sich schon anschauen, wo es Überschneidungen
und Verschränkungen gibt. Volksstimme : Auf welche
Rahmenbedingungen können sich Investoren in Sachsen-Anhalt
verlassen ? Haseloff : Priorität bei der Förderung werden
diejenigen Investitionen haben, die mit hohen
Arbeitsplatzeffekten verbunden sind. Wir haben mit der
Lebensmittelbranche, in der Chemie, dem Automotivebereich oder
der Biotechnologie entscheidende Leitsäulen. Jetzt geht es
darum, mehr im Umfeld dieser Netzwerke zu tun. Dabei werden wir
keine Region und keine Branche grundsätzlich ausgrenzen.
Volksstimme : Das ist neu. Ein Aushängeschild wie die
Lebensmittelbranche hat in den letzten Jahren so gut wie kein
Geld mehr bekommen. Und auf einmal wieder ? Haseloff : Es hat
Ausnahmeregelungen wie die Ministererlaubnis gegeben. Aber
diese Praxis hat zu einigen Missverständnissen geführt. Daher
sage ich : Wir werden die für das Land struktur- und
arbeitsmarktpolitisch wichtigste Branche ausdrücklich wieder in
die Förderung aufnehmen. Einen Anspruch für alle begründet dies
jedoch nicht. Das gilt beispielsweise für
Rationalisierungsinvestitionen, die mit dem Abbau von
Arbeitsplätzen verbunden sind. " Wir wollen den Mittelstand
durchaus längerfristig begleiten " Volksstimme : Das ist ein
Schritt. Wie geht es weiter ? Haseloff : Wir werden über eine
Cluster-Potentialanalyse die Branchenschwerpunkte im Land
räumlich identifi zieren, um dann darauf unsere Förderprogramme
mit dem Bund und der EU anzupassen. Bis dahin gilt : Kein
Branchenausschluss, Schwerpunktsetzung auf die
Entwicklungsachsen entlang der Autobahnen und Bundesstraßen,
auf Gewerbe- und Chemieparks. Aber es muss auch die Frage
opportun sein, ob die Großindustrie, die bereits eine eigene
Entwicklung nimmt, noch mit riesigen Fördersummen bedacht
werden muss. Wir müssen schauen, ob wir nicht gerade im
beschäftigungsintensiven klein- und mittelständischen Bereich
etwa bei vorgelagerten unternehmensnahen Dienstleistungen etwas
bewegen können. Volksstimme : Der Mittelstand darf sich einer
höheren Aufmerksamkeit erfreuen ? Haseloff : Wir wollen den
betriebswirtschaftlich verantwortungsvoll handelnden,
Beschäftigung bringenden Betrieb durchaus auch längerfristig
begleiten. Volksstimme : Gibt es etwa auch ein weiteres
Investitionserleichterungsgesetz ? Haseloff : Momentan ist
keines notwendig. Mit bisher drei Gesetzen haben wir versucht,
alle Zugriffsmöglichkeiten, die wir als Landesregierung haben,
zu erschließen. Die Gesetzesänderungen müssen jetzt erst einmal
wirken. Ich weiß nicht, ob es beispielsweise bei allen
Unternehmern und in der Verwaltung bereits angekommen ist, dass
bei Bauvorhaben die untere Denkmalschutzbehörde mehr
Kompetenzen bekommen hat und bei einer Fassadenänderung nicht
jedesmal das Landesverwaltungsamt eingeschaltet werden muss.
Volksstimme : Die Gewerkschaften fordern vehement, dass
Unternehmen, die sich um öffentliche Bauaufträge bewerben,
nachweisen müssen, dass sie ihren Mitarbeitern Tariflöhne
zahlen. Diese so genannte Tariftreueerklärung war abgeschafft.
Kommt sie wieder ? Haseloff : Was bringt uns das ? Wir wissen,
dass nur maximal 30 Prozent der Arbeitsplätze nach Tarif oder
tariforientiert bezahlt werden. Wenn ich bei öffentlichen
Aufträgen von den Unternehmen eine Tariftreueerklärung
einfordern würde, hieße das, dass ein Großteil unserer Betriebe
nicht mehr zum Zuge kommt und die Aufträge zum Beispiel an
stärkere, westdeutsche Unternehmen gehen. Wer das will, der
soll das den Menschen auch so ins Gesicht sagen. " Arbeitgeber
und Gewerkschaften müssen im Boot bleiben " Volksstimme : Im so
genannten Forum für Wirtschaft und Arbeit, sozusagen einem
Beirat, hat sich das Wirtschaftsministerium bisher vor vielen
Entscheidungen Rat von außen geholt. Bleibt es dabei ? Haseloff
: Das Forum für Wirtschaft und Arbeit wird fortgesetzt. Ich
brauche die Verbands- und Kammerpräsidenten an meiner Seite,
aber auch die Gewerkschaften. Bei der Diskussion beispielsweise
über Kombilohnmodelle ist es mir sehr wichtig, Arbeitgeber und
Gewerkschaften im Boot zu haben und zu behalten. Allerdings
werde ich den Arbeitsmarktteil verstärken. An den Tisch gehören
auch die Regionaldirektion der Bundeagentur für Arbeit und die
kommunalen Spitzenverbände. Es muss ein echtes Forum für
Wirtschaft und Arbeit sein. Dazu werden wir uns mit unseren
Partnern beraten, nicht ob, sondern wie wir weitermachen
wollen. Was also gehört die nächsten fünf Jahre auf die Agenda
? Wie können wir beispielsweise die Entbürokratisierung,
Deregulierung und Entstandardisierung weiter vorantreiben ?
Dazu gehört aber auch die Frage, was Arbeitgeber und Wirtschaft
an sozialer Verpflichtung übernehmen müssen, um das
gesellschaftliche System im Sinne der Akzeptanz und
Entwicklungsfähigkeit überlebensfähig zu halten. Volksstimme :
Stichwort Arbeitsmarkt. Das Programm Aktiv zur Rente war eine
der wichtigsten Möglichkeiten, älteren Arbeitnehmern das
Ausscheiden aus dem Berufsleben zu " versüßen " und den
Übergang in die Rente zu ermöglichen. Haseloff : Das Programm
wollen wir fortführen. Dazu werden wir mit dem Bund über die
finanzielle Ausgestaltung reden. Aktiv zur Rente ist nicht nur
eine mehrjährige Brücke für ältere Arbeitnehmer im wesentlichen
ab 58 Jahren in die vorzeitige Altersrente. Für die Träger wie
Sportvereine ist das Programm zugleich eine feste
Planungsgröße, um etwa vom Platzwart bis zum Übungsleiter die
Jugendbetreuung oder andere Felder abdecken zu können.
Volksstimme : Wie geht es mit dem Einstiegsgeld, mit dem
Arbeitslosengeld-II-Empfänger bei der Aufnahme einer
sozialversicherungspfl ichtigen Beschäftigung oder einer
selbständigen Tätigkeit unterstützt werden, weiter ? Haseloff :
Das Einstiegsgeld wird beibehalten und ausgebaut. Bisher haben
in Sachsen-Anhalt von der Möglichkeit, durch staatliche
Zuzahlungen am Ende des Monats mehr Geld zu haben, als wenn sie
Arbeitslosengeld II und Wohngeld bekommen hätten, rund 2000
Menschen profitiert. Für ein Viertel von ihnen war dies das
Sprungbrett in ein unbefristetes Beschäftigungsverhältnis. Das
ist ein großer Erfolg.
Dieses Projekt wird aus Mitteln des Operationellen Programms
des Europäischen Sozialfonds und des Landes Sachsen-Anhalt
gefördert:

